ich atme auch

  Startseite
    Selbstoffenbarung
    eigene Lyrik
    Allgegenwärtiges
    Kirche & Welt
  Über...
  Archiv
  Kontakt
 

  Abonnieren
 




http://myblog.de/ich-atme-auch

Gratis bloggen bei
myblog.de





Von lyrischen Stolpersteinen zur Verdichtung der Gedanken.

Es scheint fast, als müsse jeder heranwachsende Gedanke der Grundstein für ein verkanntes Genie in einem sein, der es lohnenswert machen sollte, in schnulzigen Versen daher zu tölpeln. Zumindest ergeht es einem bestimmten Klientel des lyrischen Genres in der ganz unterschiedlich lang anhaltenden Pubertät vergleichsweise ähnlich, was ich anhand diverser Beobachtungen und einer gewissen Selbstreflexion festzustellen meine. Gefährlich ist das logisch erst einmal nicht! Sollte jedoch eine kritische Distanz zur ersten Generation der verdichteten Wortklumpen fehlen, dann darf man sich beruhigt zurücklehnen und vom Zauberland träumen, denn am eigentlichen Diskurs wird man gar nicht teilnehmen dürfen und können.

Meine ersten Versuche Reime aneinander zu reihen und dafür Sorge zu tragen, dass ein gewisser Inhalt erkennbar wird, waren "Gott sei dank!" naiv genug, um zu merken, was ich noch alles zu verbessern habe. Dabei hatte ich großen Spaß mich auszuprobieren und trat Schritt für Schritt in ein neues Geheimnis im Umgang mit Sprache ein. Als erstes variiert man die Verslängen und spielt mit den Kadenzen. Auf der einen Seite kann man die Worte fluffig wie Perlen aufreihen, um im nächsten Augenblick bewusst damit zu brechen – d.h. mit offensichtlichen Stolpersteinen die Idylle mal eben verkriesknaddeln. Man sucht nach Sprachbildern und verknüpft nach und nach den Inhalt mit der Form. Die Grammatik wird verbessert, sodass die Aussagen im Gedicht nicht mehr gestelzt und verdreht wirken, doch irgendwas scheint immer zu fehlen. Aus Überdruss lässt man freiwillig die Reime einmal weg und verwirklicht nur ein intuitives Gefühl für das Gesamtkonzept.

Der fehlende Schritt ist wohlmöglich der schwerste! Vielleicht wäre ich von alleine nie darauf gekommen, aber dafür hatte mir irgendwann die Geduld gefehlt und ich habe mich allumfassend in die Recherche gekniet. Die Magie liegt einzig in der Metrik. Der gute Vater der deutschen Dichtkunst Martin Opitz hat es begründet und ewig breit erklärt. Die ästhetische Stimmung erklingt im Deutschen nur beim alternierenden Rhythmus. Zum ersten Mal steigt man hinter die diffusen Begriffe des Jambus und Trochäus, auf die man sich verbindlich begnügen darf, so wie man gleichsam mit dem Discofox auf jeder Ü-40 Party zurande kommt, bzw. die meisten schwer beeindrucken kann.

In diesem Sinne erinnere ich mich an einen Professor der Germanistik, dem die ermutigenden Sätze zur eigenen Übung wiefolgt über die Lippen kamen: "Probieren Sie es doch einmal aus! Schreiben Sie doch einfach die nächste E-mail an Ihre Dozenten/innen in Form eines Sonetts. Oder schmettern Sie einen mutigen Trochäus im Einladungstext zur nächsten Grillparty..." Ich kann natürlich keine Wunder versprechen, aber im Verstehen, was die betonten und unbetonten Silben der Wörter sind, hat man schon wieder ein geschulteres Verständnis von Sprache erlangt. Irgendwann wird man so vielleicht die Stützräder zum ästhetischen Selbstverständnis abbauen können.

 

© ich atme auch 

9.2.15 10:40
 


bisher 0 Kommentar(e)     TrackBack-URL

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)



 Smileys einfügen



Verantwortlich für die Inhalte ist der Autor. Dein kostenloses Blog bei myblog.de! Datenschutzerklärung
Werbung